05 November 2006

New-York Marathon 5.11.2006


„ Nach New York kommt man nicht, um Bestzeiten zu laufen, sondern um was zu erleben“ habe ich irgendwo gelesen, aber es trifft den Nagel auf den Kopf.

5.11.06 New-York

Heute morgen sind mein Zimmernachbar Richard und ich mit Hilfe des Weckers bereits früh aus dem Bett, und pünktlich um 6 Uhr mit allen anderen von Meddys Laufgruppe in einen der vielen tausend Busse eingestiegen, die die 37.000 Läufer zum Start über die gewaltige Verrazano Narrows Bridge nach Staten Island bringen, wo sich auf dem Gelände von Fort Wadsworth der riesige
Startbereich befindet.

Drei Startbereiche gibt es, nach Farben getrennt. Auch in dem grünen Startbereich, dem ich lt.Startnummer zugeordnet bin, geht es zu wie in einem Heerlager vor der großen Schlacht.

Noch Stunden vor dem Start stehen die Leute überall Schlange, nicht nur bei den reichlich vorhandenen Möglichkeiten, um seinen leiblichen Gelüsten nachzugehen, sondern vor allem auch an den zahlreichen Toilettenhäuschen.

Über den ganzen Startbereich hinweg sorgt aus allen Lautsprechen vor allem Rock-, Country- und Blues Musik für gute Laune.

Früh am Morgen ist es mir noch verdammt kalt. Dagegen proben paar Meter weiter eine Gruppe von leichtbekleideten Engländerinnen mit britischen Flaggen bewaffnet ihren späteren Einsatz auf den Strassen von New-York.. Irgendwie müssen die von der Insel gegen Kälte immun sein.

Ein amerikanischer Teilnehmer prüft seine riesige Nashorn Uniform. Mir ist unbegreiflich, wie er damit 42 km zurücklegen will. Ein asiatisch aussehender älterer Herr tanzt in kurzen Hosen vor der auftretenden Bluesband. Nach dem Aufdruck seines T-Shirts ist er Jahrgang 1937. Respekt!

Noch 1 Stunde bis zum Start. Langsam kommt Unruhe auf. Alle beeilen sich ihre Kleidersäcke abzugeben. Schaffe ich es noch auf die Toilette bis zum Start?

Plötzlich ertönt ein lauter Knall. Auf den riesengroßen Leinwänden ist zu sehen, wie Paul Tergat und die andere Laufelite bereits über die Verrazano Bridge laufen.

Die restlichen 37.000 Läufer warten sortiert nach Startnummern dichtgedrängt in ihren Startbereichen . Die meisten haben noch alte Klamotten zum Wärmen übergezogen, um nicht auszukühlen. Jetzt wird sich mehr oder weniger schnell deren entledigt. Der Boden ist weithin mit Kleidungsstücken aller Art bedeckt.

Meine NYC Zipfelmütze, wegen der eisigen Kälte der Vortage gekauft, findet schnell Abnehmer. Noch nach mehreren Meilen finden sich später noch Wollpullis, Schals u.ä. neben und selbst mitten auf der Laufstrecke.

Dicht gedrängt stehen wir wie eine Rinderherde vor der Stampede, und warten gespannt auf den Startschuss für unseren Startbereich.

„I´m Mr. Jay from Oklahoma“ stellt sich mein Nachbar links von mir vor. Ich zeige auf meine Brust „ Franz from Germany“. Ich habe mir gestern noch schnell ein Namensschild mit Sicherheitsnadeln auf meinem Laufshirt befestigt. Die Freude einer längeren Konversation mit diesem netten älteren Läufer war mir leider nicht vergönnt. Schon bei dem Laufen über die Rampe zur Brücke verabschiedet er sich nach hinten.

10.10 Uhr. Der Startschuss fällt. Das riesige Feld setzt sich langsam in Bewegung.

Der grünen Startgruppe, zu der ich gehöre, läuft durch das Kellergeschoss der V-Bridge. Schade, weil ich damit nicht die berühmten Fotos der Marathonläufer auf der Brücke machen kann. Dafür erspare ich mir allerdings den heftigen Anstieg zur Brücke hoch.

Nach zwei Meilen verlassen wir die riesige Brücke und laufen über die 4th Avenue, die vom äußersten Süden Brooklyns fast 6 Meilen geradeaus nach Norden führt.

Keine Wolkenkratzer, sondern niedrige Häuser bestimmen das Strassenbild. Die Strasse ist sehr breit, nur ganz langsam zieht sich das Feld auseinander.

Waren wir auf der Brücke noch allein mit uns und der Strasse, jetzt ist das Gegenteil der Fall. Über die ganze Strecke durch Brooklyn stehen hunderttausende von Zuschauern am Strassenrand und feuern alle Läufer enthusiastisch an. Kinder und Erwachsene strecken begeistert am Rand der Strecke ihre Hände aus, um die Läufer abzuklatschen. Gehwege sind voll mit Menschen vorwiegend südamerikanischer und asiatischer Einwohner.

Great job!. You´re looking great, Franz.

Ich fühle mich im Schwebezustand.. Es ist mir jetzt egal an welcher Position ich bin,egal welche Zeit, .das „ Feeling“ ist nicht zu beschreiben. .

Hinter den Zuschauermassen spielen Latino- und Steelbands eine supergeile Musik. Je weiter wir nach Norden Richtung Queens kommen, ändert sich die Stilrichtung. Nun sind es Rapper, Blues- Rock- oder Country-Bands. Die überwiegend schwarze Bevölkerung veranstalten ein riesiges Strassenfestival und wir als Läufer sind im wahrsten Sinne des
Wortes „ mittendrin“.

Schließlich erreichen wir am East River entlang laufend die Pulaski Bridge bei Meile 13.
Halbmarathonpunkt ist mitten auf der Brücke. Von hier aus lasse ich mir es nicht entgehen, das herrliche Panorama der Ostseite Manhattans mit meiner kleinen Kamera einzufangen.

Noch eine Meile durch Queens und wir überqueren die von Simon und Garfunkel besungene Queensboro Bridge. Unter den angerosteten Metallbögen ist es paar Hundert Meter richtig dunkel, die Läufer sind hier für sich allein – keine Zuschauer auf der Brücke.

Umso mehr stehen dann tausende von Menschen ausgangs der Brücke, um uns begeistert zu empfangen, bevor es schließlich die First Avenue fast 5 Meilen gerade aus geht.


So langsam werden meine Beine müde. Ich laufe mehr in der Mitte der Strasse und schaue entgeistert geradeaus. Wie kann eine einzige Strasse nur so lang sein! Die Getränkestationen sind für meine Begriffe zu kurz hintereinander. Man wird fast verführt, zu viel zu trinken. Die Energiegels halte ich griffbereit, die nächste Wasserstation kommt bestimmt gleich.

In der Mitte der Strasse spricht mich ein US-Läufer an. Stan heißt er, ist Mitte Dreißig, Krauskopf, lange Hose, mit Sicherheit kein ambitionierter Läufer. Direkt aus New-York kommt er. Fragt mich aus. Ich erzähle ihm, dass mein erster Marathon in Medoc – Südfrankreich gewesen sei. Medoc kenne er. Woher, frage ich verwundert. Er antwortet, er sei von Beruf Weinhändler. Na dann!

Ich bin froh für diese lange Strasse einen Laufpartner gefunden zu haben.
Immer noch tausende von Beinen vor uns, und kaum ein Ende in Sicht. Mir wird es richtig heiß. Alle paar Minuten drücke ich mir einen Schwamm über dem Kopf aus. Die Beine werden schwerer. Schließlich verlässt mich auch mein zweiter amerikanischer Laufpartner. Diesmal war ich zu langsam.

Endlich ist die First Avenue zu Ende. Über die Willis Avenue Bridge geht es hinüber eine Meile durch den Stadtteil Bronx, von da aus über eine andere Brücke wieder zurück Richtung Manhattan nach Ost-Harlem direkt auf die Fifth Avenue..

Zwischendurch sehe ich mal auf meine Uhr. Über fünf Stunden will ich nicht laufen; weil ich gehört habe, dass nur Läufer, die unterhalb 5 Stunden laufen in der New-York Times verzeichnet werden. Wenn das keine Motivation ist!

Mittlerweile verwandelte sich der Straßenboden durch die Abfallprodukte der vielen Verpflegungsstationen in Form von weggeworfenen Schwämmen und Plastikbecher zu einer gefährlich glatten Piste.

Der Anstieg zum Central-Park die Fifth Avenue hinauf ist wirklich sehr giftig. Ich bin jetzt froh darüber, dass wir in unseren Trainingsläufen auch Bergläufe zur Vorbereitung gemacht haben.

Um mich herum häufen sich die Fälle, in denen nur noch rechtzeitige Gehpausen helfen, das Ziel zu erreichen. Sanitäter sind vor Ort, damit direkt Hilfe geleistet werden kann, wenn Beine oder Kreislauf nicht mehr mitmachen.

Ich bin endlich froh, als ich an der Museumsmeile an der Fifth Avenue vorbei, die letzten zwei Meilen im Central – Park in Angriff nehmen kann.

Das Ziel ist zum Greifen nahe. 1 Meile vor dem Ziel löst sich tatsächlich noch ein Schnürsenkel, und ich muss kurz anhalten. Sofort werde ich von Zuschauern umringt und gefragt, ob alles in Ordnung sei.

Auch auf den relativ schmalen Wegen des Central-Parks befinden sich Tausende von Zuschauern, die jeden Läufer enthusiastisch anfeuern. Dies steigert sich umso mehr als es auf das Ziel zugeht. Schätzungsweise hunderttausend Zuschauer im Zielbereich treiben die Läufer Richtung Ziel.

Ich fühle mich dadurch so beflügelt, dass ich tatsächlich das Tempo noch beschleunigen kann. Leider habe ich mich bei der Schätzung der noch verbleibenden Strecke verschätzt. 500 m vorm Ziel war ich dann ziemlich platt. Mit letzter Willensanstrengung komme ich schließlich ins Ziel.

Geschafft! 4:54 Std. Morgen früh stehe ich um 6 Uhr auf, und gehe an die nächste Strassen-Ecke, um die Sonderausgabe der New.- York Times zu kaufen.